Die Transsibirische Eisenbahn

Ein Reisebericht von Johannes Müller

Februar 1988, Budapest. Mit vier Freunden hat es mich in die ungarische Hauptstadt verschlagen, wo wir gemeinsam große Reisepläne schmieden, denn vor uns liegt eine 9975 km lange und acht Tage dauernde Bahnfahrt über Moskau nach Peking!

Vorausgegangen waren wochenlange Vorbereitungen wie Visabeschaffung für Ungarn, Sowjetunion, Mongolei und China, Fahrkartenkauf, das Bangen um den richtigen Termin der obligatorischen Platzresevierung, diverse Schutzimpfungen und schließlich die Qual der Wahl der im Rucksack mitgenommenen Gegenstände. Mir fallen dabei einige Entscheidungen etwas leichter, war ich doch im Jahr zuvor schon einmal in China, quasi "zum Vorkosten".

Ausgiebig feiern wir Abschied von heimatlichen Gefilden, was hier in Ungarn wegen der günstigen Preise einfacher fällt als zu Hause in München. Die besten Caféhauser sind gerade gut genug; wann werden wir wohl wieder eine tolle Sahnetorte vor uns sehen? Das sehenswerte Touri-Programm wie Burgberg, Fischerbastei, Parlament, Heldenplatz oder Vergnügungspark kenne ich schon, so dass die Zeit besser kulinarisch genutzt werden kann.

Täglich verlässt der Budapest-Moskau-Express den Ostbahnhof. Es ist Sonntag Abend, als um 20.15 Uhr unsere erste Etappe beginnt. Für die 2110 Bahnkilometer nach Moskau benötigt der Zug 34 Stunden, die angesichts der Tatsache, dass in unserem Abteil ständig Hochbetrieb herrscht, sehr schnell vergehen. Unsere Besucher, ausschließlich rubelzahlungskräftige Sowjetbürger, interessieren sich gezielt für alles, was wir dabei haben. Ich merke schnell, dass Markennamen wie "Adidas", "John Player" oder "Marlboro" die Angebote in astronomische Höhen schnellen lassen, doch meine warme Kleidung ist mir wichtiger als ein mit Rubeln gefüllter Geldbeutel.

Am Dienstag morgen rollt der Zug im Moskauer Kiewskaja-Bahnhof ein. Die digitale Anzeige wechselt von 06:30 auf -19°C. "Au weia", denke ich mir, wenn man sich auf ein Bad im südchinesischen Meer freut, dann liegt jetzt in der Ausrüstung eine gewisse Fehlanpassung. Trotzdem, Moskau ist interessant, bietet gleichermaßen Kultur und Warteschlagen, Kreml und Kirchen, klirrende Kälte und rettende Restaurants. Mit meinem Transitvisum bin ich zur schnellstmöglichen Durchreise verpflichtet, und so kann ich die Moskauer Atmosphäre nur während dieser 17 Stunden Aufenthalt genießen. Am späten Abend muss ich mich dann jedoch von Kreml, GUM und Rotem Platz losreißen, da eine Minute vor Mitternacht unser Zug nach Peking den Jaroslaver Bahnhof in Moskau verlässt.

Generell hat man zwei Möglichkeiten, um per Bahn von Moskau nach Peking zu reisen: Jeden Dienstag mit einem chinesischen Zug, der durch die Mongolei fährt, und jeden Samstag mit dem sowjetischen Pendant, der um die Mongolei herumfährt, jedoch einen Tag länger benötigt. Schon viele Wochen vorher entschied ich mich für die chinesische Variante, nicht zuletzt nach einigen Berichten von Travellern, die Service und Sauberkeit des chinesischen Zuges sehr gelobt hatten.

Die Sonne lacht, die Stimmung im Zug ist super. Unsere Vierer-Abteile eignen sich bestens zum Spielen eines altbayerischen Kartenspiels. Die Reisegäste sind durchwegs westliche Individualreisende, für die Reisegruppen ist es wohl noch zu kalt. Eine Minderheit bilden die wenigen original-chinesischen Fahrgäste. Abgesehen vom Speisewagenpersonal treffe ich im Zug keine Russen an. Und so geht die Reise durch die endlose Weite Sibiriens. Draußen ab und zu ein paar Holzhütten und nicht enden wollende Birkenwälder. Fast immer ist Action im Gang meines Waggons geboten. In einer Art Stehparty treffen sich die Reisenden vorwiegend am Heißwasserboiler, eine wichitige Einrichtung für endlose Tee- und Kaffeeorgien. Man unterhält sich, schmiedet Reisepläne fürs Reich der Mitte und ärgert sich gemeinsam über das Fehlen von Bier im Speisewagen. Durch das Kennenlernen verschiedener Leute aus aller Herren Länder vergeht die Zeit doch recht kurzweilig.

Unaufhaltsam rollt die Transsib gen Osten, was natürlich die Sonne jeden Tag eine Stunde früher hervorlockt. Dadurch komme Ich vollkommen aus dem Tagesrhythmus. Irgendwann stehe ich auf, trinke Kaffee, rede mit den anderen, gehe in den Speisewagen, schlafe wieder, spiele Karten, undsoweiter. In einer Art "zeitlosen Wolke" überspringe ich die fünfstündige Zeitdifferenz zwischen Moskau und Peking. Die Auswahl im Speisewagen ist in den ersten Tagen noch recht gut, wird aber mit zunehmender Entfernung von Moskau schlechter. Stark gezuckerte Limonaden sollen den aufkommenden Bierdurst bekämpfen - meist vergeblich! Vier Tage lang bekomme ich ein Gefühl nicht nur für die riesigen Entfernungen Sibiriens, sondern auch dafür, wie weit ich mich von zu Hause entferne... Ein Eindruck, der nach einem Flug fehlt.

Am fünften Tag: Durchfahrt der Mongolei. Weite endlose Steppe, ab und zu ein paar Hütten oder Nomadenzelte, Wildpferde oder sogar Dromedare. In diesem Land, sechsmal so groß wie die Bundesrepublik, lebt gerade die Bevölkerungszahl Münchens. Längster Aufenthalt der Fahrt ist in Ulan-Bator, der Hauptstadt. Für ganze dreißig Minuten dürfen wir uns die Füße vertreten. Doch die Sensation ist das im mongolischen Speisewagen verkaufte Bier aus der DDR, allerdings nur gegen harte Dollars!

Endlich erreicht der Zug am Abend die Grenze zu China. Vereinzelt knallen Sektkorken, ich genehmige mir zur Feier des Tages ein selbst importiertes Weißbier. Ein längerer Aufenthalt ist notig, da die Bahnstrecken in China eine andere Spurweite besitzen, und der Zug umgespurt werden muss. Die Grenzkontrollen verlaufen locker, für das Gepäck interessiert sich keiner. Der chinesische Speisewagen ist sofort nach Inbetriebnahme brechend voll - und das mitten in der Nacht. Wer nun beim Stäbchenessen versagt, hat es schwer, denn Besteck gibt es ab jetzt keines mehr.

Nach einigen Stunden Verdauungsschlaf geht es Schlag auf Schlag: Zuerst Stop in der Stadt Datong, dann später das Durchfahren der "Großen Mauer". Gleich danach werden die Schaffner unruhig, Bettzeug und Porzellangeschirr wird wieder eingesammelt und das Abteil ein letztes Mal gereinigt. Langsam fährt der Zug im Pekinger Hauptbahnhof ein. Herzliche Verabschiedung von den liebgewonnenen Schaffnern und von den Mitreisenden, von denen ich den einen oder andersn irgendwo in China wiedersehen werde. Nach fünfeinhalb Tagen ist die Reise mit der Transsibirischen Eisenbahn viel zu früh zu Ende.

Ich finde, es ist der schönste und angenehmste Weg nach China.

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zuletzt geändert am 27.03.2015